Die erfundene Antike
Die erfundene Antike – Teil 2
Eugen Gabowitsch
Die neue Jahrhundertzählung war zuerst nicht mehr als ein technischer Notbehelf, verstärkte allerdings bald die Neigung der Historiker, Ereignisse und Zeugnisse auch dann nach der Zeitfolge einzuordnen, wenn man für sie keine feste Jahreszahl kannte – und das waren noch immer die meisten.
BORST, ARNO: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Berlin: Wagenbach, 1991, S. 85
Abb. 1: Diese eindeutig spätmittelalterliche Festung Eluitherai im Nordwesten von Attika stammt nach Meinung der Wissenschaftler aus dem -4. Jahrhundert. Wissenschaft macht blind: Sie bemerkt keine Spuren des Mittelalters, weil für sie viel lohnender ist, alles der Antike zuzuschreiben.
19. Jahrhundert: Berühmtester Erfinder der Antike Poggio Bracciolini wird entlarv
Den späten, also humanistischen Charakter einzelner „antiker“ Werke haben englische, deutsche und französische Historiker des 19. Jahrhunderts festgestellt. Sie haben sich überwiegend mit der Entlarvung des berühmten „römischen“ Historikers Tacitus als einen erfundenen Autor beschäftigt und seine Werke als Apokryphen bezeichnet, also ihn und „seine“ historischen Schriften als ein Produkt der Renaissancezeit. Eine kritische Betrachtung von „Annalen“ und „Geschichte“ von Tacitus begann Voltaire in seinem „Philosophischen Lexikon“. Weitere kritische Stimmen folgten, aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts begann man ganz offen darüber zu sprechen, dass die Tacituswerke eine Renaissancefälschung darstellen. 1878 veröffentlichte John Wilson Ross (1818-1887) in London das Buch „Tacitus and Bracciolini: the Annals forged in the XVth century“ („Tacitus und Bracciolini: die Annalen wurden im 15. Jahrhundert gefälscht“), in welchem er die Beweisführung für die Fälschung der Tacituswerke durch den oder nach einer Bestellung von dem berühmten italienischen Humanisten Poggio Bracciolini präsentierte. 1890 führte der Franzose P. Hochart im Buch „De l‘Authenticite des Annales et des Histoires de Tacite” (Authentizität von Annalen und Geschichten von Tacitus) einen noch detaillierteren und noch besser begründeten Beweis dafür, dass Poggio die Werke von Tacitus fälschte oder fälschen ließ. In einem zusätzlichen Band antwortete er seinen Kritikern und vertiefte die Beweisführung noch weiter. View full article »





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