von Gerhard Wisnewski

20 Jahre nach den tödlichen Schüssen von Bad Kleinen läuft die Medienmaschine heiß. »Qualitätsjournalisten« überschlagen sich mit Dokumentationen und Artikeln, um die offizielle Version endgültig festzuklopfen: Am 27. Juni 1993 habe »RAF«-Mann Wolfgang Grams zunächst einen GSG-9-Beamten erschossen und dann sich selbst. Dumm nur, dass es noch immer die Aussage einer Augenzeugin gibt, die etwas ganz anderes gesehen hat. Demnach wurde Grams von GSG-9-Beamten regelrecht hingerichtet.

 

Bahnhof von Bad Kleinen, Mecklenburg-Vorpommern, 27. Juni 1993. Durch die Fußgängerunterführung unter den Gleisen laufen eine Frau und zwei Männer Richtung Bahnsteig 3 / 4. Plötzlich bleiben die Frau und einer der Männer stehen, als würden sie auf einen Aushang oder einen Fahrplan schauen wollen. Der andere Mann geht weiter. Es ist der mutmaßliche

»RAF«-Terrorist Wolfgang Grams. Plötzlich ertönen hinter ihm Rufe: »Polizei! Stehen bleiben!« Oder so ähnlich. Doch Grams bleibt nicht stehen, sondern rennt Richtung Bahnsteig 3 / 4, eine Gruppe von GSG-9-Beamten hinter sich. Als er Sekunden später die Treppe zum Bahnsteig hoch stürmt, wird sofort gezielt geschossen. Aber kurz darauf ist nicht nur Wolfgang Grams tot, sondern auch der GSG-9-Beamte Michael Newrzella. Newrzella liegt auf dem Bahnsteig, Grams auf Gleis 4.

 

Ein Resultat, das Fragen aufwarf: Warum gab es am Ende einer Festnahmeaktion durch die sagenhafte GSG-9-Truppe gleich zwei Tote? Wer hatte hier eigentlich wen erschossen und warum? Die wenigen Sekunden vom Beginn der Aktion bis zum Tod der beiden Männer ließen die Republik stillstehen und einen Minister (Bundesinnenminister Rudolf Seiters) und den Generalbundesanwalt (Alexander von Stahl) zurücktreten. Und diese Sekunden wurden schließlich mit behördlichen Geschichten und Untersuchungsberichten angefüllt, die einen halbwegs logischen Zusammenhang zwischen der Ausgangs- und der Endsituation herstellen sollten.

Der Mörder ist immer der Tote

 

Wie immer war der Mörder natürlich der Tote. Was auch immer an Todesfällen in Bad Kleinen passiert war, wurde flugs Wolfgang Grams in die Schuhe geschoben – wie immer die praktischste Lösung, denn Tote können sich bekanntlich nicht mehr verteidigen. Nach der in einem wochenlangen, quälenden Prozess zusammengezimmerten offiziellen Version lieferte sich der mutmaßliche Terrorist eine filmreife Schießerei mit den Super-Polizisten der GSG 9. Ja, wäre Grams nicht bei der »RAF« gewesen, hätte man ihn glatt für die GSG 9 anheuern müssen. Oder waren das in Wirklichkeit gar nicht Morde von Grams, sondern der GSG 9?

 

Jedenfalls drehte sich der auf Bahnsteig 3 / 4 flüchtende Grams nach der offiziellen Version plötzlich um und schoss den ihn verfolgenden GSG-9-Mann Newrzella mitten in die Brust. Volltreffer. Der Mann war praktisch sofort tot. Als nächstes entwickelte sich ein Feuergefecht, in dessen Verlauf Grams angeblich nach hinten auf Gleis 4 kippte. Noch während er fiel, habe der Terrorist aber nicht nur den Entschluss zum Selbstmord gefasst, sondern sich im Fallen auch noch in die Schläfe geschossen, so dass auch er praktisch sofort starb. Eine reife Leistung – wo doch viele Schusswaffen-Selbstmörder nicht mal zu Hause auf dem Sessel richtig treffen.

Ein Kinderstreich mit Waffen?

 

Dumm war nur, dass es auf dem Bahnsteig an Gleis 3 / 4 einen Kiosk gab und die Inhaberin das ganze Geschehen beobachtet hatte. Kurze Zeit später gab sie bei dem Monitor-Journalisten Philipp Siegel eine Eidesstattliche Erklärung ab. Hier der Original-Text:

»Zuerst dachte ich an einen Streich von Jugendlichen. Ich hörte

Schüsse aus dem Fußgängertunnel und glaubte an Silvesterknaller.

Dann wurde laut geschrien, ich hörte das Gebrüll eines

Mannes: ›Halt, stehen bleiben.‹ Im gleichen Moment wurde wieder

geschossen. Ich sah dann einen Mann auf das Gleis beim

 

Bahnsteig 4 stürzen. Der Mann lag reglos auf dem Gleis. Später

erfuhr ich dann, dass es der Wolfgang Grams war. Ich dachte

schon, der Grams sei tot. Dann traten zwei Beamte an den reglos

daliegenden Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und

schoss aus nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei sah

der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss,

aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams entfernt.

Dann schoss auch der zweite Beamte auf Grams, aber mehr

auf den Bauch oder die Beine. Auch der Beamte schoss mehrmals.«

(Joanna Baron: Eidesstattliche Erklärung zur Vorlage bei Gericht, Bad Kleinen,

den 30.6.1993)

Obwohl diese Schilderung den Behörden bereits seit dem Tag der Schießerei bekannt war, wurde sie am 30. Juni 1993 erst durch den Monitor-Bericht von Philipp Siegel ans Licht gebracht. Zwar hatte Baron schon direkt nach der Schießerei einen Polizeibeamten gefragt, warum auf eine Person geschossen werde, die bereits am Boden liege. Ohne den Monitor-Bericht wäre ihre Beschreibung aber höchstwahrscheinlich sang- und klanglos in den Akten verschwunden.

 

Einen Monat später bekräftigte Baron ihre Aussage erneut in dem Fernsehmagazin Monitor (Monitor vom 29. 7. 1993). Der Schock für die Öffentlichkeit war perfekt, als Barons Aussagen vom Obduktionsgutachten der Leiche des Wolfgang Grams gestützt wurden. Folgende Angaben von Joanna Baron deckten sich mit den Feststellungen des Obduktionsbefundes:

1. ein Schuss aus nächster Nähe in den Kopf,

2. ein Schuss in den Bauch,

3. mehrere Treffer in die Beine.

Eine bessere Bestätigung für eine Zeugenaussage ließe sich eigentlich kaum denken.

 

Eine plausiblere Version

 

Deshalb gibt es auch nach wie vor noch eine zweite, wesentlich plausiblere Version des Geschehens auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Auch laut offizieller Darstellung wurden die mutmaßlichen »RAF«-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld am 27. Juni 1993 von einem V-Mann in die Falle gelockt – dem zweiten Mann im Fußgängertunnel. Dass Grams dabei sterben sollte, war von vornherein eingeplant. Denn irgendwer musste ja als der »harte Kern der RAF« verkauft und hinterher für all die ungeklärten Attentate verantwortlich gemacht werden. Und dafür eignen sich Tote nun mal am besten.

 

Das Trio sollte also durch die Unterführung zu einem Zug auf Gleis 4 gehen. Damit Grams allein vor die Flinten der GSG 9 geriet, sollten Hogefeld und der V-Mann in der Unterführung zurückbleiben – was auch tatsächlich geschah. In diesem Moment sollte der so genannte »Zugriff« erfolgen und eine GSG-9-Truppe Grams auf Gleis 4 hetzen, wo bereits Scharfschützen warteten – nach dem schräg nach unten weisenden Schusskanal in der Brust des GSG-9-Beamten Newrzella zu urteilen, irgendwo auf den umliegenden Dächern.

 

Da Newrzella hinter Grams her rannte, wurde er aus irgendeinem Grund mit dem »RAF«-Mann verwechselt – vielleicht, weil der Treppenaufgang nicht von überall aus optimal einsehbar war. Jedenfalls bekam Newrzella schulmäßig einen äußerst präzise gezielten Schuss ab – mit mannstoppender Munition direkt in den tödlichen Herz- und Aortenbereich – und klappte augenblicklich auf dem Bahnsteig zusammen.

 

Das war das eine Problem. Das andere bestand darin, dass die wirkliche Zielperson schlagartig kapierte, was hier gespielt wurde, und nun noch mit einer Waffe auf dem Bahnsteig herumlief. Da der schöne und präzise Plan nun perdu war, musste improvisiert werden. Statt der Scharfschützen kamen jetzt die auf dem Bahnhof postierten Zugriffskräfte der GSG 9 zum Einsatz. Diese Truppe turnte nun vor den Augen der Kioskbesitzerin herum, drängte oder schubste Grams aufs Gleis und erledigte ihn vor den Augen der Zeugin mit einem Kopfschuss.

 

Zwar gab es danach ein Ermittlungsverfahren gegen die GSG 9. Darin wurden die GSG-9-Beamten aber nie namentlich genannt, sondern nur durchnummeriert. Und während scheinbar rechtsstaatlich gegen die Beamten »Nr. 6« und »Nr. 8« ermittelt wurde, wurde der wahre Verdächtige mithilfe von äußerst unwahrscheinlichen Zufällen von Bahnsteig 3 / 4 weg erklärt. Das war der Beamte »Nr. 4«. Ursprünglich hatte auch er hier auf den flüchtenden Grams gewartet. Plötzlich soll er aber durch ein Missverständnis den Bahnsteig verlassen und an Grams vorbei nach unten in die Unterführung gerannt sein.

 

Wo auch immer Nr. 4 in der offiziellen Erzählung auftauchte, gab es nichts als Pleiten, Pech und Pannen: Funkgeräte versagten, Missverständnisse und Nachlässigkeiten passierten. Kaum war er zum Beispiel an Grams vorbei nach unten gerannt, soll er in der Unterführung zwar Birgit Hogefeld festgenommen haben. Allerdings vergaß er dabei glatt, sie auf Waffen zu durchsuchen. Kurz: An der Geschichte des Beamten Nr. 4 stimmt überhaupt nichts. Weshalb es so aussieht, als würde der eigentliche Todesschütze von Bad Kleinen noch immer frei herumlaufen – wenn er nicht gestorben ist, versteht sich.

 

Mit Material aus Das RAF-Phantom

 

 

Quelle & © Kopp-Verlag

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