Damit sie ihr Leben in Gefangenschaft ertragen können, werden vielen Zootieren Psychopharmaka verabreicht. Gemäß der Zeitung “Die Welt” scheint es sich um einen systematischen Einsatz von psychoaktiven Medikamenten zu handeln.

Zoodirektionen versuchen der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Tiere seien in ihren Gehegen glücklich und gesund.
Die “Welt am Sonntag” führte eine Umfrage unter Dutzenden Zoos durch und erhielt unter anderem Antworten wie “In meinem Zoo gibt es keine Psychopharmaka. Die Tiere brauchen das nicht. Sie brauchen überhaupt keine Medikamente. Vitamine, Impfungen, Wurmkuren, das ja. Aber nichts sonst”. Ein anderer Zoodirektor behauptete sogar “Zootiere werden eigentlich niemals krank.” Die Antwort des Duisburger Zoos gegenüber der Zeitung lautete: “Ich kann Ihnen versichern, dass bei uns KEIN EINZIGES Tier Psychopharmaka erhält, damit es im Zoo gehalten werden kann.

Tatsächlich sieht die Realität anders aus. Bei einer Anhörung zum Thema vor dem Düsseldorfer Landtag, gab der Direktor des Duisburger Zoos, Achim Winkler, zu, dass den Delfinen im Zoo psychoaktive Präparate verabreicht worden seien, “ähnlich wie diese Mittel bei anderen Zootieren ebenfalls Verwendung finden.” Laut Winkler habe man den Delfinen seit 2008 lediglich in zwei Fällen acht Tage lang Psychopharmaka gegeben. Meeresbiologe Karsten Brensing von der Organisation “Whale and Dolphin Conversation” (WDC), bezweifelt Winklers Aussage: “Es ist nicht denkbar, Delfine ohne regelmäßige und großzügige Medikation zu halten. Das ist international gängige Praxis.” Im Fall des Nürnberger Zoos konnte die WDC diese Praxis nachweisen, nachdem sie den Tierpark erfolgreich auf Herausgabe von Medikamentenbüchern verklagt hatte. Dort erhielten die Delfine fast täglich und häufig in hohen Dosen das Valium-Präparat Diazepam. Es hilft unter anderem gegen Angstzustände, Unruhe und Aggressionen. Bei Robben und Delfinen wirkt es auch appetitanregend. Dazu kamen auch Antibiotika, Hormone, Immunpräparate, Schmerzmittel und weitere Substanzen.

Einer der vielen Beispielfälle, die die “Welt” in ihrem Bericht aufzählt, ist Epulu, ein männlicher Schimpanse, der im Wuppertaler Zoo mittlerweile in einem 40 m² kleinen Raum aus Beton und Glas gefangen gehalten wird. Dirk Diestelhorst, der bis 2011 als Tierpfleger im Wuppertaler Zoo arbeitete, berichtet von Epulu’s Dauermedikation: “Ohne Valium rastete Epulu aus.” Der Schimpanse war nicht nur für sich selbst eine Gefahr, sondern auch für die Pflegekräfte und die anderen Tiere im Gehege. Die Pflegekräfte näherten sich dem Schimpansen nur, wenn er zuvor mit Diazepam ruhiggestellt worden war. “Wenn Epulu raste, wenn er mit voller Wucht gegen die Scheiben sprang, dachten wir: Hoffentlich hält das Panzerglas”, sagte Dirk Diestelhorst der “Welt”.

Es scheint die Regel zu sein, dass es Zootiere gibt, die ihr Leben lang Psychopharmaka erhalten. So schreibt der klinische Psychologe und Tierschützer Colin Goldner in seinem Buch “Lebenslänglich hinter Gittern”, das in den kommenden Tagen erscheinen wird: “In den Futterküchen der einzelnen Reviere lagern teilweise riesige Mengen an Diazepam und anderen Tranquilizern, die von den Pflegern nach Gutdünken, ohne tierärztliche Einzelfallverordnung, verabfolgt werden”. Goldner hat sich vor allem mit den katastrophalen Haltungsbedingungen von Menschenaffen in Zoos auseinandergesetzt. Während der kalten Jahreszeit, in welcher sich die Tiere über Monate hinweg nur in Innenräumen aufhalten können, würden solche Mittel vielfach als “Dauermedikation” eingesetzt. Neben dem schnell zu Abhängigkeit führendem Diazepam sind das vor allem auch Clomipramin oder Substanzen aus der Gruppe der Phenothiazine und Butyrophenone. Diese Medikamente bekommen auch Menschen verschrieben: Bei Psychosen, starker Unruhe oder Zwangshandlungen.

Goldner ist sich sicher, dass es ohne den Einsatz von starken Medikamenten kein Miteinander und kein Überleben in den engen Affengehegen deutscher Zoos geben würde. Ohne Psychopharmaka würden die Tiere übereinander herfallen. Damit bestätigt Goldner das, was in den vergangenen Jahrzehnten schon durch viele Studien bewiesen wurde: Tiere in Zoos leiden unter ihrer Gefangenschaft. Ihre Verzweiflung und Frustration führt bei vielen zu Depressionen und Zwangsneurosen. Affen reißen sich die Haare aus, verletzen sich selbst oder wippen unablässig mit dem Oberkörper. Nilpferde schwimmen tagelang im Kreis, Bären und Tiger laufen zwanghaft über Stunden hinweg am Gehegegitter hin und her. Durch die Gabe von Psychodrogen können viele Tiere vorübergehend beruhigt werden. Sobald die Mittel abgesetzt werden, kehren die Verhaltensauffälligkeiten jedoch zurück.

Dass es Zoos und ähnliche Institutionen gibt, die Tieren ohne Skrupel massenweise Psychopharmaka verabreichen, hat die amerikanische Pathologin Lynn Grinner festgestellt. Über einen Zeitraum von 14 Jahre hinweg untersuchte die Wissenschaftlerin die Körper und das Gewebe der verstorbenen Tiere des San-Diego-Zoos, einem Tierpark, der aufgrund von vergleichsweise großen Gehegen als besonders vorbildlich in der Branche gilt. In ihrem Buch “Pathologie der Zootiere” schreibt Grinner: “Abgesehen davon, dass die meisten Zootiere unterernährt waren, fand ich eine erschreckend hohe Mortalitätsrate durch die Verwendung von Anästhetika und Beruhigungsmittel”. Grinners Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Zoo viele seiner Tiere durch den hohen Einsatz von Beruhigungsmitteln vergiftet hat.

Die Feststellung, dass viele Zootiere ihr trostloses Leben in Gefangenschaft nur unter Drogen ertragen können und Zoos einen entsprechend hohen Medikamenteneinsatz betreiben, überrascht uns wenig. Unter anderem durch unsere Recherche im Schwaben Park haben auch wir bereits beweisen können, dass Tiere in Gefangenschaft immensen psychischen und physischen Qualen ausgesetzt sind. Die Gefangenhaltung von Tieren zu Unterhaltungszwecken ist mit den Werten einer fortschrittlichen Gesellschaft nicht zu rechtfertigen. Indem wir Zoos und ähnliche Institutionen meiden, hören wir auf, das Leid dieser Tiere zu finanzieren. Hier sind weitere Informationen über Zoos einsehbar.

 

 

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